Agil, Projektmanagement

Wie erfolgreich sind agile Projekte?

Am 5. April war ich im Rahmen der Saarbrücker Reihe des Frankfurter PMI Chapters in Saarbrücken, um mit den anwesenden Projektleitern über die Grundlagen von Scrum zu sprechen. Frank Heil hatte den Termin gemeinsam mit Michael Royar organisiert und wir trafen uns in den Räumen der eXirius GmbH.

Der inhaltliche Schwerpunkt des Abends lag darauf, definierte und empirische Prozesse zu unterscheiden und so die Problemklasse zu erkennen, für die Scrum funktioniert. Scrum ist ein Managementframework für empirische Prozesse. Damit sind Problemstellungen gemeint, für die nicht a-priori ein Prozess definiert werden kann, der dann automatisch zu einem erfolgreichen Ergebnis führt. Vielmehr entspricht das empirische Vorgehen einem Erkenntnisprozess, der kontinuierliche Beobachtung, Lernen und Anpassung erfordert. Definierte Prozesse finden wir dagegen in Umfeldern, in denen es zum Beispiel um Fertigungsautomatisierung geht oder in denen sehr hohe Sicherheitsanforderungen eingehalten werden müssen.

Zur Verdeutlichung und mit allem Respekt für die betroffenen Menschen: Der Betrieb des Atomkraftwerks in Fukushima war vor dem 11. März ein definierter Prozess. Der Umgang mit der Situation nach dem 11. März entspricht einem empirischen Prozess. Um der aus diesem Beispiel vielleicht erwachsenden Assoziation „Empirischer Prozess = Krisenbekämpfung“ entgegenzuwirken: Jeder Innovationsprozess, zu denen ich auch Softwareentwicklungsvorhaben zähle, ist ein empirischer Prozess.

Im Scrum werden die Werte des Agilen Manifests bejaht. Aus diesem Grund wird Scrum auch als agiles Verfahren bezeichnet. Die Anerkennung empirischer Problemklassen ist einer der Werte des Agilen Manifests („Responding to change over following a plan“). In Abgrenzung dazu bezeichnen wir ein wasserfallorientiertes Vorgehen, bei dem gegen eine vorab erstellte Anforderungsspezifikation die aufeinanderfolgenden Phasen Analyse, Entwurf, Implementierung, Test und Auslieferung durchlaufen werden, oft als klassisches Verfahren. Das zugrundeliegende Paradigma des Wasserfallmodells entspricht dem eines definierten Prozesses mit a-priori gegebenem Ablauf.

Herr Royar stellte in der Diskussion die Frage, wie erfolgreich agile Verfahren im Vergleich zu klassischen Verfahren seien. Eine gute Frage, denn ausser meinen persönlichen, sehr positiven Erfahrungen mit agilen Techniken in IT-Projekten, durch die ich von agilen Verfahren überzeugt bin, hatte ich keine Vergleichswerte zur Beantwortung dieser Frage.

Im Anschluss an unser Treffen habe ich nach Material gesucht, das eine Antwort liefert. Zwei Quellen, die den Erfolg agiler Methoden in IT-Projekten analysieren, fand ich hilfreich.

In einer Studie zum Einfluss klassischer und agiler Techniken auf den Erfolg von IT-Projekten von 2009 haben die umtriebigen Mitarbeiter der oose in Kooperation mit dem PMI (Project Management Institute) und der GPM (Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement) 212 Personen befragt. Danach gibt es Techniken, die unabhängig von klassischem oder agilem Vorgehen den Projekterfolg wahrscheinlicher machen:

  • Enger und guter Kundenkontakt, mindestens einmal pro Woche, besser täglich.
  • Einbeziehung der Entwickler in die Planung (besonders wichtig für klassisches Vorgehen).
  • Iteratives Vorgehen mit Einhaltung der Timeboxes und eine Timebox-Dauer von maximal 4 Wochen.

Die folgenden Grafiken verdeutlichen diese Aussagen und wurden der oose PM-Studie entnommen.

Zusammenhang zwischen Kundenkontakt und Projekterfolg

Zusammenhang zwischen Kundenkontakt und Projekterfolg (Quelle: oose PM-Studie)

Zusammenhang zwischen iterativem Vorgehen und Projekterfolg

Zusammenhang zwischen iterativem Vorgehen und Projekterfolg (Quelle: oose PM-Studie)

Es zeigt sich aber auch, dass agile Projekte insgesamt häufiger erfolgreich sind (ca. 70%) als klassische Projekte (ca. 40%). Das gilt in Bezug auf die Qualität, Termintreue, Budgettreue und Zufriedenheit der Akteure. Dagegen wird das Ziel „Funktionsumfang nach ursprünglicher Spezifikation“ sehr häufig von Projekten erreicht, die als Misserfolg eingestuft werden.

Agile Projekte sind erfolgreicher als klassische Projekte

Agile Projekte sind erfolgreicher als klassische Projekte (Quelle: oose PM-Studie)

Neben der oose Studie findet man bei Scott Ambler die Ergebnisse einer Vielzahl von Umfragen, unter anderem eine Reihe zu IT Project Success Rates. Ein erläuternder Text zu einer solchen Studie erschien im April 2009 in Dr. Dobb’s Journal.

Auch in dieser Studie, in der 279 Personen befragt wurden, findet man eine generelle Empfehlung, die den Projekterfolg wahrscheinlicher macht:

  • Die Akteure sollten an einem Standort arbeiten, da sie dann seltener scheitern, als verteilt arbeitende Entwicklungsteams.

Nur 4% der Teilnehmer an Scott Amblers Umfrage haben IT-Projekte als erfolgreich eingestuft, bei denen der Termin und das Budget eingehalten und der Funktionsumfang der ursprünglichen Spezifikation geliefert wurde. Das bestätigt meiner Meinung nach die Sichtweise, dass IT-Projekte empirisch, also als Lernprozesse zu begreifen sind. Eine Fokussierung auf die ursprüngliche Spezifikation negiert den Erkenntnisgewinn, den die Teilnehmer jedes IT-Projektes erreichen müssen.

Scott Ambler vergleicht die Wirksamkeit agiler, iterativer, klassischer und ad-hoc Ansätze in Bezug auf die Erreichung einer gewünschten Qualität, Funktion, Budget und Zeit und kommt dabei generell zu besseren Werten für agile und iterative Ansätze. Besonders hervorzuheben ist, dass ein ad-hoc Vorgehen (also ohne jeden Prozess, weder agil noch klassisch) effektiver in Bezug auf die gelieferte Funktionalität und die dabei verursachten Kosten ist, als ein klassisch wasserfallorientiertes Vorgehen!

Wirksamkeit verschiedener Methoden (Quelle: Scott Ambler)

Wirksamkeit verschiedener Methoden nach Scott Ambler (Very Effective 10 points, Effective 5 points, Neutral was worth no points, Ineffective -5 points, and Very Ineffective -10 points)

Ich habe hier nur wenige, mir relevant erscheinende Aussagen aus den Studien entnommen und empfehle, die ursprünglichen Texte selbst zu lesen.

Zum Schluss noch einige Fotos von unserem sehr angeregten Treffen in Saarbrücken, die mir Andreas Steinel geschickt hat.

 

PMI/GPM Treffen in SaarbrückenPMI/GPM Treffen in SaarbrückenPMI/GPM Treffen in SaarbrückenPMI/GPM Treffen in Saarbrücken

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