Agil, Retrospektive, Scrum

Timeline und Schwarm

In der vergangenen Woche wurde in einem Projekt, das ich als Scrum Master betreue, die erste Entwicklungsphase beendet und das Release 1 der Software an den Kunden ausgeliefert. Die Grundstimmung in diesem Projekt ist bei allen Beteiligten positiv und weil die Software pünktlich und mit dem richtigen Funktionsumfang an den Kunden übergeben wurde, ist der Phasenabschluss mit einer Hochstimmung und Stolz auf die geleistete Arbeit verbunden.

Dennoch, um aus der abgeschlossenen Projektphase für die nächsten Phasen zu lernen, um einen bewussten Konsolidierungspunkt zu setzen, haben wir eine Retrospektive für die gesamte Phase durchgeführt. Esther Derby und Diana Larsen schlagen in „Agile Retrospectives: Making Good Teams Great“ unter anderem die Verwendung einer Timeline vor (vergleiche ebenda, Seite 52).

Timeline

Timeline

Timeline

Aufgabe der Timeline ist, die Erinnerung an länger zurückreichende Zeiträume zu aktivieren und verschiedene Perspektiven auf die Projektphase zu erarbeiten. Für unsere Timeline habe ich den Arbeitsfortschritt (Burndown) sowie die tatsächliche und die geplante Arbeitsgeschwindigkeit (Velocity) der letzten 14 Sprints aufgezeichnet und zu jedem Sprint das Sprintprotokoll und das Protokoll der Sprint-Retrospektive ausgedruckt und aufgehängt. Jeder Teilnehmer konnte seinen persönlichen Stimmungsverlauf über den betrachteten Zeitraum mit einer Linie einzeichnen. Die Linie bewegt sich zwischen den Zuständen :-) / :-| / :-( . Die Farbe der Linie repräsentierte die Rolle des Teammitglieds im Projekt: Grün für Entwickler, rot für Fachexperten, blau für Tester. Alle Teammitglieder haben gleichzeitig an der Timeline gearbeitet.

Während der Timeline, die in unserem Fall eine Stunde Zeit in Anspruch nahm, stellte sich heraus, dass die Rolleninhaber den Phasenverlauf unterschiedlich wahrgenommen haben. Es gab Sprints, in denen die Entwickler sehr zufrieden waren, während die Fachexperten gleichzeitig unzufrieden waren. Ausserdem wurde deutlich, dass eben nicht während der gesamten Projektphase die Zufriedenheit gleichmäßig gut war und dass es dafür auch Gründe gab. Nachdem wir alle unsere Timeline eingezeichnet hatten, haben wir über die Schwankungen gesprochen. Extreme Ausschläge konnten begründet werden, das Verständnis für die Probleme der jeweils anderen Teammitglieder wurde vertieft. Die Timeline haben wir als Ausgangspunkt für die anschließende Schwarmsitzung benutzt.

Schwarm

Der Schwarm ist ein neues Medium, das als Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Institut für soziale Innovation und der Datenlabor GmbH entstanden ist. Der Schwarm wird für computerunterstützte Retrospektiven eingesetzt. Folgende Überlegungen liegen dem Schwarm zugrunde:

  • Schwarm unterstützt die partizipative Ideensammlung und Entscheidungsfindung für Gruppen.
  • Schwarm wird einfach mit einem Web-Browser genutzt.
  • Schwarm arbeitet textbasiert. Schreiben vertieft Wirklichkeit und erweitert die Möglichkeiten des menschlichen Gehirns.
  • Die Aussagen der Teilnehmer sind anonym. Der Schwarm verringert Gruppendynamik und stärkt Inhaltsdynamik.
  • Jeder hat die gleiche Zeit und jeder kommt zu Wort.
  • Denkprozesse finden parallel statt.
  • Jeder Teilnehmer sieht die Beiträge der anderen Teilnehmer. Assoziationen werden forciert.
  • Schwarm erlaubt die kollektive Gewichtung von Inhalten.
  • Schwarm kann durch geographisch verteilte Gruppen genutzt werden.
  • Die Ergebnisse einer Schwarmsitzung liegen in Textform vor, so dass damit weitergearbeitet werden kann.

Wir haben den Schwarm zur Durchführung einer Plus-/Delta-Aktivität genutzt (vgl. Derby und Larsen, 2006: „Agile Retrospectives: Making Good Teams Great“, S. 116). Dabei gab es auch Teilnehmer, die nicht im Raum gewesen sind und sich von ausserhalb in den Schwarm eingewählt haben. Alle konnten gleichzeitig Plus- und Delta-Themen erfassen.
Ein Plus-Thema bezeichnet einen Sachverhalt, der positiv ist und kultiviert werden sollte, ein Delta-Thema kennzeichnet dagegen einen Sachverhalt, der noch nicht optimal ist und geändert werden sollte.  Zu jedem erfassten Thema kann jeder Teilnehmer eine Wertung abgeben. Das geschieht im Sinne von „dieses Thema möchte ich vertiefen“, oder, „ich stimme dem zu“. Nach kurzer Zeit sammeln sich die Themen in einer Liste. Diese Liste läßt sich nach den abgegebenen Wertungen sortieren, so dass die Themen, die von vielen Teammitgliedern vertieft werden wollen, zuoberst in der Liste stehen.

Im Anschluss haben wir Maßnahmen zum Umgang mit den Plus- und Delta-Themen erfasst. Das geschah erneut durch parallele Arbeit aller Beteiligten am System. Nach einem definierten Endzeitpunkt haben wir uns die erfassten Themen nach absteigendem Gewicht mit einem Beamer gemeinsam angesehen und die erfassten Themen und Maßnahmen bewertet.

Der Schwarm ist zur Zeit noch experimentell. Es zeigt sich aber, dass die computergestützte Aktivität ein vielversprechendes Medium ist, das ergänzend in Retrospektiven eingesetzt werden kann. Auf der Skala (+ +)   (+)   (0)   (-)   (- -) haben die Teilnehmer diese Form der Retrospektive (Timeline und Schwarm) mindestens mit (+) und besser bewertet.

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