Wo werden im Scrum die Entscheidungsmöglichkeiten erzeugt?

Al Pittampalli klassifiziert in seinem Buch „Read This Before Our Next Meeting: The modern meeting standard for successful organizations“ vier verschiedene Kommunikationsereignisse:

  • Konversation: Dialog zwischen zwei Menschen.
  • Arbeitssitzung: Simultane Erledigung von Arbeit durch mehrere Menschen.
  • Brainstorming: Maximierung von Entscheidungsmöglichkeiten.
  • Besprechung: Reduktion von Entscheidungsmöglichkeiten. Ein Entscheider.

Vor allem die Erweiterung von Entscheidungsmöglichkeiten im Brainstorming und deren Reduktion in Besprechungen, mit dem Ziel der Entscheidung, bildet eine sich gegenseitig ergänzende Kontrastrierung, die ich als Modell sehr hilfreich finde. Ich habe mich gefragt, wie dieses Modell auf die Kommunikationsereignisse des Scrum Frameworks anwendbar ist. Der Scrum Guide nennt neben dem Sprint, der ein Container für alle anderen Scrum Ereignisse ist, folgende Ereignisse:

  • Sprint Planning: Analyse von Anforderungen, Entwurf und Planung für den kommenden Sprint.
  • Daily Stand Up: Täglicher Statusabgleich für die Mitglieder des Teams.
  • Sprint Review: Produktinspektion. Überprüfung der im Sprint ausgelieferten Produkteigenschaften.
  • Sprint Retrospektive: Prozessinspektion. Überprüfung des Teamprozesses.

Verbinde ich das Klassifizierungssystem von Al Pittampalli mit den Scrum Ereignissen, ergibt sich:

  • Sprint Planning – Arbeitssitzung
    Der Plan für den Sprint wird durch das gesamte Team erarbeitet.
  • Daily Stand Up – Keine Entsprechung bei Al Pittampalli
    Tägliche, ritualisierte Sichtbarmachung des Status, Fokussierung und Koordination für die nächsten 24 Stunden.
  • Sprint Review – Besprechung
    Das Sprint Review mündet in der Akzeptanz oder verweigerten Akzeptanz für die im Sprint gelieferten Funktionen. Es wird also eine Ja oder Nein-Entscheidung getroffen. Die Verantwortung für die Entscheidung liegt beim Product Owner. Zwar benennt der Scrum Guide auch die Aktualisierung des Product Backlog und die gemeinschaftliche Vorbereitung des nächsten Sprint Planning als Inhalte für das Sprint Review, diese Aktivitäten sind aber direkte Folge der zuvor getroffenen Akzeptanzentscheidung und können als die Festlegung eines Aktionsplanes verstanden werden, den Al Pittampalli als Ergebnis jeder Besprechung fordert.
  • Sprint Retrospektive – Keine Entsprechung bei Al Pittampalli
    Nach Esther Derby und Diana Larsen verläuft eine Retrospektive immer in den fünf aufeinanderfolgenden Schritten: 1) Setze das Ziel für die Retrospektive. 2) Sammle Daten. 3) Schaffe Verständnis für die gesammelten Daten. 4) Entscheide was zu tun ist. 5) Beschließe die Retrospektive. Die Schritte 1) und 2) haben die Aufgabe, Entscheidungsmöglichkeiten zu liefern. Schritte 3) und 4) sollen diese Entscheidungsmöglichkeiten eingrenzen und zu einer Entscheidung führen. Allerdings wird die Entscheidung nicht durch eine Person getroffen, sondern durch das Team herbeigeführt.

Die Systematik von Al Pittampalli läßt sich nur zum Teil auf die Scrum Ereignisse anwenden. Insbesondere fällt auf, dass Brainstorming keinen formalen Rahmen im Scrum findet. Natürlich sind Brainstormings im Scrum nicht verboten. Alles was sinnvoll ist, kann getan werden. Der Scrum Guide läßt diesen Punkt aber offen.

Scrum ist ergebnisorientiert und macht Ergebnisse sichtbar. Das fordert Entscheidungen. Man könnte sagen, Scrum ist auf das Treffen und Umsetzen von Entscheidungen ausgerichtet. Ein Kommunikationsereignis zur Erweiterung von Entscheidungsmöglichkeiten finden wir in Scrum aber nicht. Zur Maximierung des eigenen Handlungsspielraums und für die Ableitung optimaler Entscheidungen kann ein möglichst großer Entscheidungsraum wesentlich sein. Machen wir uns bewusst, dass die Erweiterung von Entscheidungsmöglichkeiten eben mehr Möglichkeiten bietet, als das Treffen einer Entscheidung durch Auswahl aus bereits bekannten Alternativen.

Die Maximierung von Entscheidungsmöglichkeiten in Brainstormings und deren Reduzierung in Besprechungen führt in einer bewusst wahrgenommenen Dualität zur Optimierung von Entscheidungen. Brainstormings verbessern unsere Möglichkeiten und sollten bei Bedarf ad-hoc innerhalb eines Sprints durchgeführt werden. Das ist sicher keine Antwort darauf, wo im Scrum generell die Entscheidungsmöglichkeiten erzeugt werden. Als ein mögliches Modell kann das Verfahren aber durchaus hilfreich sein.

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