Agile World

Von improuv organisiert und durch Telefonica unterstützt, fand am 11. und 12. Juli die Agile World 2012 in München in den Räumen der Telefonica statt. Unter dem Motto Sharing Experiences and Ideas habe ich zwei sehr intensive Tage voller Gedankenaustausch und mit interessanten Agilisten erlebt.

Die Inhalte waren inspirierend und hochwertig – dank der Sprecher und der Organisation durch improuv.
Die Teilnahme war kostenlos – dank der Förderung durch Telefonica.

Für mich wesentlich waren die von verschiedenen Sprechern aufgezeigten Grenzen  agil-organisatorischer Veränderung in großen Unternehmen. Hier gibt es ein Aufgabenfeld, das in den Häusern auftaucht, die schon länger Scrum in mehreren Teams praktizieren und in denen nach einem agilen Wirken in teamübergreifenden und gesamtorganisatorischen Zusammenhängen gesucht wird.

Einen spannenden Analyseansatz brachte Dieter Bertsch. Er stellte mit dem Core Culture Model von William E. Schneider einen Ansatz zur Klassifizierung von Organisationskulturen vor und brachte gleich noch einen Fragebogen mit, durch den eine Einschätzung der eigenen Organisation innerhalb der Modellkategorien (Anweisungskultur, Kompetenzkultur, Zusammenarbeitskultur, Vervollkommnungskultur) vorgenommen werden konnte.

Ein Vorschlag zur Erleichterung organisatorischer Anpassung ist die Schaffung von Kulturadaptern, um zum Beispiel eine Steuerungskultur an eine Zusammenarbeitskultur anzupassen. Ein Kulturadapter wäre beispielsweise die Umformulierung eines Burndown Diagramms in ein Berichtsformat, das in der Organisation bereits bekannt ist.

Zumindest für das obige Beispiel sehe ich Kulturadapter skeptisch, da Organisationsverhalten auch über Berichte und den Umgang mit Berichten gestaltet wird. So, wie das Messen von Fortschritt anhand fertiggestellter Software (und nicht anhand von verbrauchtem Aufwand) das gemessene System beeinflusst, so werden auch die Berichtsinhalte, -formate und -häufigkeiten einen Einfluss auf die Organisation haben. Mir stellt sich die Frage, ob ein Kulturadapter den nötigen Wandel umgeht oder verzögert? In erster Linie werden durch diese Adapter Informationen indirekter an nächsthöhere Managementeinheiten geliefert. Soll aber ein Wandel in der Organisation stattfinden, so muss dieser Wandel geführt werden [Kotter 1996]. Dazu sollten die Informationen, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden, so klar und ungefiltert wie möglich sein. Das Führungspersonal muss an erster Stelle den Wandel wollen und sollte somit den geringsten Bedarf für Kulturadapter haben. Öfter ist aber wohl eher das Gegenteil der Fall. Kulturadapter, so wie oben beschrieben, haben in meiner Wahrnehmung einen nachteiligen Effekt. Dennoch möchte ich das Thema nicht ad acta legen. Kann es sinnvolle Kulturadapter geben? Solche, die den kulturellen Wandel befördern?

Ein hitzig diskutiertes Thema fand sich in der Verortung von Architektur und Architekten in agilen Softwareentwicklungsprozessen. Waren wir uns noch einig darin, dass man Architektur benötigt und dass die Rolle eines Architekten oft benötigt wird, so konnten wir keine Einigkeit mehr in der Frage erzielen, ob ein Architekt das letzte Wort bei Architekturentscheidungen haben muss. Dies sehe ich in Analogie zum Product Owner, der das letzte Wort in geschäftlichen oder fachlichen Fragestellungen hat. Im späteren Nachdenken vermute ich, dass unser Dissenz sich vielleicht erklären lässt, weil wir unterschiedliche Projektarten und -größen vor Augen hatten und uns diese gegenseitig nicht richtig erklärt haben.

Meine Position zur Architektur im Scrum ist zum Beispiel unter [Schneider 2011] nachzulesen. Diese Einschätzung habe ich auch auf der Agile World in meiner Session zur konzeptionellen Integrität im Scrum Prozess [Schneider 2012] vertreten.

Was bleibt? Das Motto der Konferenz wurde umgesetzt. Vielen Dank.

Referenzen
[Agile World 2012] Website der Agile World 2012, siehe: http://agileworld.de/

[Kotter 1996] John P. Kotter, Leading Change, Harvard Business School Press, 1996

[Schneider 2011] Ulf Schneider, Scrum und Architektur, Konzeptionelle Integrität im Scrum Prozess, in: OBJEKTspektrum 4/2011, siehe: https://allesagil.net/2011/06/27/scrum-und-architektur/ 

[Schneider 2012] Ulf Schneider, Konzeptionelle Integrität im Scrum Prozess, Session auf der Agile World, Juli 2012, siehe: konzeptionelle_integritaet.pdf

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